Auslandspraktikum von Johannes Hüfken
Johannes Hüfken berichtet von seinem achtmonatigem Auslandspraktikum bei "Harrison & Harrison Organbuilding" in Durham, England.
Das Praktikum ging von Februar 2006 bis September 2006.
Eine Orgel im Einsatz...
Sonntagmorgen, die Glocken läuten. Doch nicht etwa wie sonst in Europa, sondern ausgebildete Glockenläuter lassen die Glocken nach einem mathematischen System in verschiedenen Melodien erklingen.
Sie laden mich zum Gottesdienst in die ehrwürdige normannische Kathedrale von Durham ein, die im 11. Jahrhundert auf Grund der dort begrabenen Gebeine des Heiligen St. Cuthbert erbaut wurde.
Eine Orgel spielt leise im Hintergrund schon ca. 20 Minuten vor dem Gottesdienst.
Diese Orgel wurde von der Firma Harrison & Harrison gebaut. Sie ist – wie viele Orgeln in England – an den beiden Seiten direkt im Hohen Chor positioniert. Warum eigentlich? Sehen wir einmal weiter...
Nach dem Einzug des Knabenchores (30–40 Sänger) um Punkt 10.00 Uhr stoppt das Orgelspiel. Eine freundliche Begrüßung folgt. Dann beginnt die Liturgie. Der Chor singt neben einer Psalmvertonung auch Variationen des Magnifikats, Benediktus oder des Nunc Dimitris. Die Orgel und der Chor musizieren perfekt zusammen. Die Knabenstimmen - teilweise solistisch als Countertenöre und Bässe – sowie das vielseitige Registrieren der Orgel werden durch die Akustik des Bauwerkes veredelt. Ich bin fasziniert...
Keine Frage: Der Chor und die Orgel haben höchste Wichtigkeit im traditionellen Gottesdienstablauf. Das erklärt auch die Position der Orgel im Hohen Chor. Zum Ausklang wird ein Stück von Messian gespielt. Stufe um Stufe wird ein kraftvolles Plenum aufgebaut. Dann ertönt eine Stimme, die sich durch voluminöse Kraft im Plenum durchsetzt - eine englische Tuba. Finale: Oktavkoppeln machen den Schlussakkord ungeheuerlich. – Gänsehaut... .
Was wäre ein Leben, das nur aus Orgelbau bestände...
Bevor ich mehr von meinen Erfahrungen im englischen Orgelbau berichte, möchte ich zunächst sagen, warum mir hier die Zeit in wärmster Erinnerung bleibt. Die liebe Aufnahme bei Familie Venning war wirklich super. Beim abendlichen „Dinner“ konnte man mit den Firmeninhabern auch über anderes als Orgelbau reden...
Durham ist nicht nur von der Kathedrale, sondern auch durch die international bekannte Universität geprägt.
Mittwochs 20.00 Uhr – beim "International Student Meeting and Friend’s" – hatten wir ungezählte schöne Abende und interessante Ausflüge. In der "Bible study group" traf ich andere Christen. Wir hatten eine Menge Spaß und Freude beim Bibel Lesen, Beten, Abendessen, Reisen – Ich wünschte, ich könnte diese Gruppe mit nach Deutschland nehmen... Und nicht zuletzt möchte ich natürlich Frau Berger als sehr hilfsbereite Kontaktperson des Austauschprogrammes "Seasam" erwähnen, durch welches mir diese Reise erst möglich wurde.
Erster Einsatz
Nach nur drei Tagen in der Firma Harrison & Harrison in Durham wurde ich für rund sieben Wochen nach London gesendet. Bourne Street St. Mary’s Church. Eine dreimanualige Orgel von Father Willis wartet auf die Nachintonation von dem „London tuner“ (Orgelstimmer) Andrew Scott mit meiner Hilfe.Father Willis ist der Begründer einer Orgelbau-Familien-dynastie, welche die meisten und größten Orgeln hier in England gebaut hat.
Vor dieser Arbeit war diese Orgel von der Firma Harrison & Harrison überholt worden. Die 16’ und 8’Trombone (kraftvolles Zungenregister) waren in die Firma gebracht und dort restauriert worden.
Während der Nachintonation wurden die Register nicht grundlegend verändert, sondern nur ausgeglichen.
Etwas fällt mir beim ersten Blick in diese Orgel auf:
- Stimmringe – keine Stimmrollen oder gekulpte Pfeifenmündungen; Ob groß C vom 4Fuß (ca.120cm) oder c’’’’ vom 2Fuß (ca. 2cm) haben alle Stimmringe. Warum sich dies hier durchgesetzt hat, möchte ich später erklären.
- Pfeifen, die länger als 4Fuß (1Fuß entspricht 30 cm) sind, bestehen meist aus Zink und haben teilweise Stimmlappen.
- Ein offener 16Fuß aus Zink, versteckt in einer Orgel, war für mich zunächst ungewöhnlich, ist aber, wie sich später herausstellte, hier durchaus normal.
- Elektrische Spieltraktur und elektropneumatisch angesteuerte Schleifenladen.
Während unserer Arbeit mussten wir immer wieder den zusätzlichen Pflichten von Andrew nachkommen – dem Orgelstimmen. Dies war für mich aber keine Last...
Nachdem die Orgel in St. Mary’s Church nachintoniert war, wurde mir angeboten, für ca. drei Wochen mit Andrew Scott auf Stimmtour zu gehen.
Auf dem Programm standen unter anderem die Orgel in der Westminster Cathedral, in der Southwark Cathedral und die hier abgebildeten Orgeln:
|
|
|
-Royal Holloway College-
|
-Fairfield Halls, Croyden-
|
|
|
|
-All Souls’ Church Langham place -
|
-All Saints’ Church Margret Street-
|
 |
 |
| -Twickenham- | -Westminster Abby- |
Es war für mich aufregend zu erleben, wie diese Riesen von Orgeln von innen aussehen und wie sie klingen.
Einmal wurde ich zwei Stunden vor einem Konzert in die All Souls Church Langenplace gerufen. Ein Notfall! Der 2’ heult und die Oktave 4’ lässt sich nicht mehr abschalten. Es war zum Glück nur ein "Registerbalg-Schwäche-Anfall" und ließ sich in einer halben Stunde beheben. Doch die Anspannung wächst ständig, wenn das Publikum kommt und man noch nicht Herr der Lage ist. Zur Belohnung genoss ich dann ein schönes Konzert.
In der Westminster Cathedral steht für mich die aufregendste Orgel. Marcel Duprè hat bei der Gestaltung der Disposition mitgewirkt.
Ich habe zwei Konzerte dort erlebt. So eine Kraft und die für eine englische Kathedrale ungewöhnliche Stellung der Orgel – nämlich auf der Empore gegenüber dem Altar – geben dem Zuhörer einen direkten Klangeindruck auch von den englischen Hochdruckzungen, die mit einem Winddruck bis zu ca. 750 mm Wassersäule angespielt werden.
Orgeln werden hier oft gestimmt, in der Westminster Abby zum Beispiel zwei bis dreimal pro Monat, andere Orgeln einmal pro Monat. Durchschnittlich kommt der Orgelstimmer vier- bis achtmal pro Jahr zu einer Wartung. Das ist mehr als bei uns üblich. Dies erklärt allerdings auch, warum sich in England die Stimmringe durchgesetzt haben.
Pro und contra von Stimmringen nach meiner Meinung:
| Pro: |
- Bei häufigem Stimmen (wie eben beschrieben) könnte das Material von Stimmrollen müde werden und sogar brechen. Kleinere Pfeifen können durch den Einsatz des Stimmhornes eher im Bereich des Labiums oder Fußes Schaden nehmen.
- Bei der Nachintonation braucht man nicht so genau die Pfeifen abzulängen, da man mit dem Stimmring etwa einen Halbton Spielraum hat (nicht bei Pfeifen mit Expression).
|
|
| Contra: |
- Pfeifen sind oft an den Seiten verkratzt, da man den Pfeifenkörper als Führung zum Tieferstimmen benutzt.
- Kleinere Pfeifen „hopsen“ leicht beim Tieferstimmen aus der Stockbohrung, besonders dann, wenn der Ring zu eng sitzt und die Kesselbohrung im Stock sehr klein ist.
|
Nachintonation der Walker Organ in St. Matthew’s Church, Northampton
|
Die Montage fand zum Ende meiner Zeit hier in England statt, passt aber gerade gut zum oben Beschriebenen.
Diese Orgel ist eine von vier übrig gebliebenen Walker-Orgeln dieser Größe (ca. 50 Register) in ganz England und ist von daher ein wertvolles Instrument. Die Aufgabe bestand im Einbau eines neuen Spieltisches und einer Setzeranlage, einer neuen 32’Contra Trombone – tiefe Oktave als Weiterführung der 16’Zunge – und der Generalüberholung der Orgel mit elektropneumatischem Ladensystem.
Herr Peter Hops erwarb sich durch über 40 Jahre Intonationstätigkeit bei der Firma Harrison & Harrison einen großen Erfahrungsschatz. Ich bin sehr froh und dankbar, mit welcher Offenheit mir Sachverhalte erklärt wurden. Herr Hops verfügt nicht nur über viel Wissen, sondern hat auch Witz und ist gut im Raten, wenn ein Ausländer – wie ich – versucht, etwas zu sagen...
Für mich war es natürlich sehr interessant zu erfahren, wie englische Zungen funktionieren.
Hier wurden mir viele Zusammenhänge beim Intonieren von Herrn Hops erklärt.
Ein wichtiger Unterschied zu den traditionellen deutschen Zungen ist der Winddruck.
Natürlich kann man nicht einfach mal 220 mm WS auf die Windladen geben, die – wie in Deutschland – traditionell mechanisch angespielt werden...
|
|
Die elektropneumatische Schleiflade
Tonventile, Tonkanzellen, Dämme, Schleifen und Stöcke sind wie bei einer traditionellen mechanischen Schleifenlade.
Lediglich die Art und Weise, wie das Ventil geöffnet wird, ist anders. Ein kleiner Magnet lässt per Ventil ein kleines Vorbälgchen in der Windlade zusammenfallen. Dieses öffnet den Auslass eines etwas größeren Ventilbalges. Ventilbalg und Ventil sind miteinander mechanisch verbunden. So wird beim Zusammenfallen des Balges das Ventil geöffnet.
Damit sind wir bei einer Tätigkeit, die mich wochenlang beschäftigte:
Endprüfung der elektropneumatischen Windladen für die Royal Festival Hall in London
Arbeiten, die an diesen Windladen durchgeführt wurden:
- Das Fundamentalbrett, das auf der Schleifenseite mit Kork beschichtet war, sowie die Ventilgrundplatte wurden gegen Birke-Sperrholz ersetzt.
- Neue Schleifen wurden mit spanischen Reitern versehen.
- Sämtliche Ventile wurden neu garniert.
- Alle kleinen und großen Steuerbälge wurden neu beledert.
- Alle Magnete wurden ersetzt und elektrotechnisch angeschlossen.
- Die Dichtungen der Windkastenbretter wurden erneuert.
Meine Aufgabe:
- Arbeiten der Windladen ohne Wind
- Reinigung der Kanzellen und Windkammern
- Einjustieren der Ventilfederkraft
- Einstellen der Ventilstoppleiste
- Ist die Verarbeitung insgesamt fehlerfrei?
- Haben die Bälge genügend Spiel (Leerlauf zum Tonventil)?
- Prüfung der Windladen unter Wind
- Sind die Windladen und die pneumatischen Apparate dicht?
- Schließen die Ventile im pneumatischen Apparat?
- Prüfung der Windladen auf Heuler oder Durchstecher
- Einstellung einer sehr schnellen Repetitionsfähigkeit der Ventile (Erklärung siehe unten***)
- Abschließende Arbeiten
- Eventuelle Kosmetik mit Beize
- Anbringen einer Abdeckplatte auf die Stöcke zum Schutz bei Transport und Lagerung
- Verschließen der Kanalöffnungen
- Und zum Schluss: Anheften des Etiketts "Geprüft" – meine Lieblingsarbeit!
*** Wovon ist eine schnelle Repetition abhängig?
- Optimale Einstellung der Ventilstoppleiste,
der Tonventilbälge (Spiel) und Dichtfähigkeit der pneumatischen Ventile
- Das Magnet- und das Tonventil zum großen Ventilbalg muss mit Sorgfalt einjustiert werden. Sie sollen so wenig wie möglich Gang haben.
- Geprüft wird mit Hilfe einer Pfeife und eines elektrischen Impulsgebers, der individuell an den Magneten angeschlossen wird. Übrigens ist hier eine schnellere Repetition möglich als bei einer Orgel mit mechanischer Traktur.
Komplettabbau und Generalüberholung der Orgel im Cottier Theater in Glasgow
Diese Father Willis Orgel war einst mit mechanischer Registeranlage und Bakerhebel ausgerüstet. Doch im 20. Jahrhundert wurde eine große Veränderung vorgenommen. Statt der Barkerhebel wurde eine elektropneumatische Tonsteuerung und statt simpler Registerzugstangen eine Setzeranlage mit elektropneumatischer Registerein-schaltung eingebaut. Nun soll eine Rückführung geschehen. Meine Aufgabe: 1. Hilfe beim Abbau und Abtransport. 2. Rückführung der Pedalladen und Pedalzusatzladen in den Originalzustand.
Die Arbeiten im Einzelnen bei dieser Rückführung:
Vorweg möchte ich kurz eine kleine Erfindung, wahrscheinlich von Father Willis selbst, erklären. Haben Sie je von einem "Bootventil" gehört?
- Auf den ersten Blick ist es einfach ein ziemlich breites und klobiges Ventil, das mich vermuten lässt, den Druckpunkt einer Gefriertruhentür zu übertreffen...
- Beim zweiten Blick fällt mir ein Loch direkt hinter dem Abzugshaken auf. Der Ausbau und das Neubeledern der Ventile brachten dann Licht in meine Unwissenheit:
- Dieses "Bootventil" ist unter dem Leder komplett ausgehöhlt. Nur das Holz am Rand ist stehen geblieben, um ein Abdichten des Ventils zu garantieren. Das Ventilleder ist in der Mitte also frei beweglich.
- Der Ventilschlitz ist mit Stegen versehen, die aber nicht nur plan sind, sondern die je zur Mitte hin rund herausragen.
- Kommt nun Wind in den Windkasten, bläst das Ventil sich durch die kleine Öffnung auf und drückt sich leicht von dem Steg ab.
Das Ergebnis ist ein sehr geringer Druckpunkt unabhängig vom Winddruck bei einem großen Ventil.
Natürlich können Heuler entstehen, wenn man es mit der Rundung am Steg übertreibt.
Doch nun zum Ablauf der Restauration.
|
- Abbau des pneumatischen Apparates
- Reinigung der Windlade
- Ausbau von Ventilen und Ventilstiften
- Reparatur des Windkastens
- Ausfräsen der Risse im Fundamental- und Ventilbrett
- Reparatur der Stege in den Ventilschlitzen
- Ausgießen der Tonkanzellen
- Reparatur und Neugarnierung der Tonventile
- Planschleifen des Ventilbrettes (nicht der Stege) und des Fundamentalbrettes
- Gründliche Reinigung
- Streichen des Ventilbrettes (nicht der Ventilauflageflächen) mit farbhaltigem stark verdünnten Knochenleim
- Neugarnieren der Windkastenbretter
- Einschlagen der Führungsstifte und Aufleimen der Ventile
- Vorbereiten des Windkastenbodens für die Abzugsdrähte der mechanischen Traktur
- Abzugsdrähte installieren
- Farbbehandlung der Lade
- Prüfen auf Durchstecher, Heuler und Dichtheit
- Zum Schluss werden die empfindlichen Bereiche der Lade mit einer Abdeckplatte geschützt.
|
Zum Schluss
Zum Schluss ein Vergleich wie ihn mir ein Intonateur unter Schmunzeln weitergab:
Der Engländer beschreibt seine Orgel als rund und kräftig, dagegen empfindet er die deutsche Orgel als giftig wie eine fauchende Katze.
Der Deutsche beschreibt seine Orgel als brillant und klar, dagegen empfindet er das englische Klangbild als einen lauten Brei.
Durch dieses kleine Beispiel wird deutlich, wie unterschiedlich sowohl die Orgeln von Ihrem Klangcharakter als auch die Hörgewohnheiten in den einzelnen Ländern sind. Am Musiker liegt es, die Literatur und die entsprechende Registrierung einer Orgel herauszufinden, um sowohl das Musikstück als auch das Instrument zu seiner vollen Entfaltung zu bringen.
Der Aufenthalt in England hat mir eine ganz andere Orgelwelt, als die mir bekannte, erschlossen. Ich kann und will nicht sagen, ob denn nun eine besser ist. Vielmehr hat jede ihren ausgeprägten Charakter, den man stehen lassen sollte.
|